1970: Der letzte Sommer für Saupersdorf ob Bf – Rothenkirchen (Vogtl)

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    • 1970: Der letzte Sommer für Saupersdorf ob Bf – Rothenkirchen (Vogtl)


      Das ungelöste Geheimnis der letzten Züge im oberen Rödelbachtal

      Das beschauliche obere Rödelbachtal im Sommer 1970: Auf einem verkrauteten, buckeligen Schmalspurgleis in der Ortslage Hartmannsdorf nähert sich in flimmernder Mittagshitze bimmelnd der Nahgüterzug 67977 aus Schönheide Süd. Es riecht nach Carbolineum - die Sonne lässt das Tränkungsmittel aus den Holzschwellen austreten. An der Lok prangt seit 1. Juni diesen Jahres eine neue Nummer, heute ist 99 1561-2 im Dienst. Auch bei der Deutschen Reichsbahn hat die elektronische Datenverarbeitung Einzug gehalten. Welch krasser Gegensatz zur dörflichen Idylle zwischen Saupersdorf und Rothenkirchen. Das Gleis ächzt und knirscht als der Zug Tender voran mit drei beladenen Rollfahrzeugen und dem Packwagen langsam vorüberfährt. Mehr als 10 km/h sind nicht zugelassen. Viele der Holz- und Stahlschwellen sind kaputt, die Schienenstöße stark eingefahren. Die zuständige Bahnmeisterei Falkenstein hat die Instandhaltung nur noch auf das absolut Notwendigste reduzieren und viele Langsamfahrstellen einrichten müssen. Streckenwärter Leonhardt ist nachweislich am 2. Juli letztmalig den Streckenabschnitt abgelaufen. Gegen 14 Uhr wird der Zug in Saupersdorf als N 67976 zur Rückfahrt nach Schönheide Mitte aufbrechen und später als N 67965/67966 zwischen 20 und 23 Uhr nocheinmal durch die Dörfer rumpeln, in einer lauen Sommernacht... .


      Bahnsteigseite von Saupersdorf ob Bf, Blick in Richtung Rothenkirchen. Im ehemaligen Warteraum an der Ecke war der Streckenfernsprecher untergebracht (gekennzeichnet mit dem F-Schild),von dem aus in der Regel die Zuglaufmeldungen abgegeben wurden. Der Zahn der Zeit hat deutlich an der Bausubstanz von 1881/82 genagt. Doch das Empfangsgebäude existiert auch im Jahre 2018 in saniertem Zustand noch und wird als Wohn- und Geschäftshaus genutzt.


      Wartehalle des Hp Hartmannsdorf mit Blick in Richtung Rothenkirchen. Im Vordergrund das Streckengleis.


      Wartehalle der Hst Oberhartmannsdorf. Diese Aufnahme, wie auch jene der Wartehalle von Hartmannsdorf entstanden am 26.6.1972 und somit 2 Jahre nach den letzten Zugfahrten. Sie stehen dennoch exemplarisch für den Niedergang der WCd.


      Bahnhof Bärenwalde, Blick in Richtung Saupersdorf. Im Vordergrund zugewachsen die Gleissperre I im Ladegleis 3, links angeschnitten der kleine Güterschuppen.


      Bahnhof Rothenkirchen. Der Blick des Fotografen geht in Richtung Saupersdorf. Im Vordergrund der Wegübergang mit der Landstraße nach Kirchberg, der heutigen Staatsstraße 277. Lok 99 1590-1 rangiert.


      Eines der wichtigsten Ladegüter im oberen Streckenabschnitt der WCd ab Bärenwalde war Stammholz für die Bürstenindustrie. Hier warten Stämme an der Ladestraße in Rothenkirchen auf ihre Weiterverarbeitung.

      Es ist noch immer ungelöst, das Geheimnis um die letzten Güterzugfahrten im Abschnitt Saupersdorf ob Bf - Rothenkirchen der Schmalspurbahn Wilkau-Haßlau - Carlsfeld. Der bisherige Stand der Forschung nennt als Datum der letzten Zugfahrten den 25. Dezember 1970 - was auch teilweise zutreffend ist, jedoch nur für den Streckenabschnitt Oberhartmannsdorf - Rothenkirchen. Denn an jenem ersten Weihnachtsfeiertag endeten bzw. begannen die Nahgüterzüge in der Haltestelle Oberhartmannsdorf. Wann der Abschnitt Saupersdorf – Oberhartmannsdorf letztmalig befahren wurde, bleibt weitestgehend im Dunkeln, da entsprechende Unterlagen bisher nicht aufzufinden waren. Überhaupt sind Fotos aus diesem letzten halben Jahr 1970 äußerst selten, insbesondere von Zugfahrten sind keine bekannt. Der verbliebene Güterverkehr wurde mit 2 Zugpaaren montags bis freitags sowie 1 Zugpaar samstags und sonntags abgewickelt. Alle Züge waren Regelzüge, also keine Bedarfszüge.




      Auszug aus dem Buchfahrplan 31 II, gültig vom 31.5. bis 26.9.1970 in der Fassung der Fahrplanänderung 4.

      Im erhalten gebliebenen Fernsprechbuch von Saupersdorf ob Bf „Umfahrung“ ist als letzter Eintrag die Aufhebung einer Gleissperrung zwischen Saupersdorf und Hartmannsdorf am 30.12.1970 um 10.15 Uhr vermerkt. Leider ist weder die Unterschrift des Kollegen lesbar, noch der Grund für die Sperrung bekannt. Zugleiter in Kirchberg war an jenem Tag Ernst Klotz. In der Regel wurde das Gleis Saupersdorf – Hartmannsdorf zur Bedienung der Anschlussbahnen Betonwerk und Gräßler gesperrt. Aus der Fahrplanänderung 4 zum Buchfahrplan 31 II geht leider nicht hervor, ob die Übergabefahrten (Üa) 70086/70087 ab Saupersdorf ob Bf im letzten halben Jahr 1970 noch verkehrten. Laut Bedienungsanweisungen der genannten Anschlussbahnen durfte das Betonwerk nur mit Sperrfahrten, Gräßler hingegen sowohl mit Sperrfahrten, als auch mit den regulären Nahgüterzügen bedient werden.


      Die letzten Einträge im Fernsprechbuch von Saupersdorf ob Bf „Umfahrung“ vom 30. Dezember 1970 (Sammlung Dieter Schatte).


      Vollständige Auskunft über die letzten Zugfahrten von und nach Saupersdorf kann nur das Fernsprechbuch von Saupersdorf ob Bf „Bahnsteig“ (nur von dieser Sprechstelle wurden zuletzt die Zuglaufmeldungen abgegeben), oder aber das Zugmeldebuch des Zugleiters in Kirchberg geben. Es ist jedoch äußerst unwahrscheinlich, dass jene Unterlagen noch existieren.
      Unregelmäßiges Frachtaufkommen bewirkte, das oft tagelang keine Züge verkehrten bzw. bereits unterwegs endeten. Besonders oft geschah dies in Oberhartmannsdorf, durchschnittlich 1 bis 2 mal monatlich. Dort empfing die Bäuerliche Handelsgenossenschaft noch Regelspurwagen auf Rollfahrzeugen. Fotos des bekannten Historikers Rainer Heinrich vom Juli 1970 zeigen ferner einen offenen Güterwagen im Ladegleis 3 des Bf Bärenwalde. Die letzten Güterverkehrskunden zwischen Saupersdorf und Rothenkirchen waren im Einzelnen:

      • Traudl Friedrich, Saupersdorf
      • Fa. Hermann & Rüdiger, Saupersdorf
      • VEB Reißfaserwerke Saupersdorf
      • Wohnungsbaukombinat Karl-Marx-Stadt, NL Hartmannsdorf (Anschluss Betonwerk)
      • VEB Zwickauer Kammgarnspinnerei, Werk Hartmannsdorf (ehem. Anschluss Strobel)
      • Dachdeckermeister Paul Stark, Hartmannsdorf
      • Fa. Richard Bauer, Spanplattenwerk Hartmannsdorf (Anschluss Gräßler)
      • Fa. Robert Schmelzer KG, Bärenwalde (Anschluss Schmelzer)
      • Fa. Herbert Möckel KG, Bärenwalde
      • LPG „Helmut Just“ Obercrinitz
      • Fa. Kurt Müller KG, Obercrinitz
      • Fa. Erich Freitag KG, Obercrinitz
      • Dachdeckermeister Max Förster, Obercrinitz
      • PGH „Erzgebirge“, Stangengrün
      • Fa. Albert Wolf KG, Wildenau
      Die Firma Richard Bauer in Hartmannsdorf beispielsweise empfing im Anschlussgleis des ehemaligen Sägewerkes Gräßler bei km 11,272 WCd regelspurige Kesselwagen mit "Leuna-Leim" für die Spanplattenproduktion. Wie man sieht ist die Bimmelbahn ist noch nicht verzichtbar, wenngleich ihr unwiderrufliches Ende naht. Denn im Laufe des zweiten Halbjahres 1970 wurden im Kreistransportausschuss Zwickau den letzten Güterkunden neue Verladebahnhöfe zugewiesen, u.a. Kirchberg, Rothenkirchen, Wiesenburg oder auch Voigtsgrün. Die Beschlussvorlage ist auf den 10. November 1970 datiert. Nach entsprechender Beschlussfassung am 26. November wurde der Verkehr dann zum 31. Dezember 1970 planmäßig eingestellt.

      Alle Fotos: Sammlung Mike Robeck

      Sollte Jemand zu den letzten Zugfahrten zwischen Saupersdorf und Rothenkirchen Bildmaterial oder Unterlagen haben, so kann er jene gern hier mit beifügen.

      Viele Grüße

      Mike

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Mike Robeck-Jokisch ()