Anfang der 1990er Jahre von Dessau nach Wörlitz

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    • Anfang der 1990er Jahre von Dessau nach Wörlitz

      Hallo liebe Bimmelbahn-Freunde,

      ich habe dieses Thema mal bei der Bimmelbahn auf 1435 mm eingeordnet, da es sich bei der Nebenbahn von Dessau nach Wörlitz wohl eindeutig um eine besondere Bahnlinie mit wechselvoller Geschichte handelt.

      Im Jahre 1989 hatte ich meine Ausbildung zum Facharbeiter für Eisenbahnbetrieb bei der Dienststelle Dessau Süd begonnen. Hierzu zählten die Blockstelle am Haltepunkt Dessau Süd und der Betriebsbahnhof Haideburg. In Haideburg habe ich dann auch meine Ausbildung auf dem Stellwerk absolviert. Die Dienststelle Dessau Süd wurde aber schon bald dem Dessauer Hauptbahnhof angegliedert. Meine Ausbildung im Zugbegleitdienst zum Zugführer absolvierte ich auf der Strecke von Dessau nach Wörlitz (vereinfachter Nebenbahndienst), aber auch in Richtung Leipzig, Magdeburg und Lutherstadt Wittenberg war ich öfters im Einsatz. Nach der Ausbildung war ich zunächst als Zugführer eingesetzt, wurde dann aber nach kurzer Zeit auf dem Stellwerk Dr2 und bei der Aufsicht Güterbahnhof eingearbeitet. Bei der Aufsicht bekam ich eine Planstelle, während ich auf dem Stellwerk als U&K-Vertreter ausgeholfen habe. Nachdem ich schon 1992 gelegentlich in Hamburg weilte, verabschiedete ich mich 1993 zur Fernverkehrsdienststelle Hamburg-Altona, wo ich dann für einige schöne Jahre verbleiben sollte, wodurch meine hier im Forum thematisierte enge Verbundenheit mit dem Norden Deutschlands entstand, die bis in die heutigen Tage ungebrochen ist.

      Als Aufsicht des Güterbahnhofs war ich natürlich auch in die Abwicklung des Güterverkehrs auf der Bahnlinie nach Wörlitz involviert. Meine Bindung an diese Strecke war zur damaligen Zeit also sehr hoch. Das erste Bild zeigt die Diensträumlichkeit der Aufsicht auf dem Dessauer Güterbahnhof. Im Hintergrund ist der "Nordturm" zu erkennen, wo sich auch der Ablaufberg befand.



      Beginnen möchte ich den Thread mit drei Bildern des Einsatzes des VT 786 257-6 im August des Jahres 1992. Er absolvierte anlässlich des Bahnkindertages einige Fahrten auf der Strecke. Auf dem ersten Bild sieht man den Triebwagen im alten Dessau Wörlitzer Bahnhof. Heute befindet sich auf dessen Gelände das Umweltbundesamt.



      Einige Daten zum Fahrzeug sollen nicht fehlen:

      - Hersteller: Linke-Hofmann-Busch (Werk Bautzen)
      - Baujahr: 1935
      - Fabriknummer: 6026
      - DRB 135 054 Opp -> DR (ab 1956 Umbau zum Diensttriebwagen des Präsidenten der RBD Magdeburg) -> 1970 DR 186 257-2 -> 1992 DR 786 257-6 -> 01.01.1994 DBAG -> +12.12.1997 -> Eigentum des DB-Museums (Leihgabe an das Eisenbahnmuseum Staßfurt)

      Beim folgenden Bild durchfährt der Triebwagen den damals aufgelassenen Haltepunkt Dessau-Waldersee in Streckenkilometer 4,0.



      Im Kilometer 5,9 befindet sich die Querung vom Scholitzer See. Hier überquert der Triebwagen die alte Brücke, welche bei der kompletten Sanierung der Strecke zwischen 1998 und 2001 durch einen Neubau ersetzt wurde.



      Dies soll erstmal der Anfang dieser kleinen Dokumentation sein. Ein paar Bilder und Anekdoten kann ich bei Gelegenheit noch beisteuern.

      Viele Grüße, René

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von rekok73 ()

    • Hallo,

      dann möchte ich zunächst im Jahre 1992 verbleiben und die bahnlichen Bauten des Dessauer Wörlitzer Bahnhofs vorstellen. Zunächst werfen wir einen Blick auf das Bahnhofsgebäude, welches zu diesem Zeitpunkt noch von einem Eisenbahner in der oberen Etage bewohnt wurde, ansonsten aber leer stand. Vor dem Gebäude verläuft die Unruhstraße und am rechten Bildrand sind die Gebäude des Gas- und Elektrogerätewerkes zu erkennen, die heutzutage auch nicht mehr vorhanden sind, weil sie den baulichen Anlagen des Umweltbundesamtes weichen mussten. Die Aufnahme des Bahnhofsgebäudes entstand im Juli 1992.



      Das Gaswerk verfügte über einen Gleisanschluss, welcher über Weiche 9 an das Gleis 6 des Dessau Wörlitzer Bahnhofs angebunden war. Das sich einige originale Unterlagen in meinem Besitz befinden, kann ich hier den Lageplan des Gleisanschlusses zeigen.



      Das nächste Bild zeigt das Gebäude mit den Räumlichkeiten für Fahrdienstleiter und Rangierer des Dessau Wörlitzer Bahnhofs an der Humperdinckstraße. Direkt vor dem Gebäude befand sich mit Weiche 10 eine doppelte Kreuzungsweiche. Das Foto entstand ebenso im Juli 1992.



      Im September 1992 war das Gebäude dann saniert und erstrahlt im neuen Glanz. Im Raum des Fahrdienstleiters befand sich auch das Schlüsselbrett für die Weichenschlüssel. Vor der Fahrt nach Wörlitz musste man den Weichenschlüssel für die Einfahrweiche in Wörlitz in Empfang nehmen. Während meiner Ausbildung im Jahr 1991 begab es sich, dass dieser Schlüssel an seinem Platz verblieb. Ein böses Erschrecken in Wörlitz, denn die Lok konnte nicht umsetzen. Zum Glück befand sich in O-baum ein damals noch verkehrender Güterzug, dessen Lok nach Wörlitz beordert wurde. Diese zog den Zug nach O-baum. Dann wurde etwas rangiert. Die Güterzuglok bespannte ihren Zug und die Personenzuglok setzte an das andere Zugende. Da die Personenzüge damals häufiger durch V 60 (DR) befördert wurden, kam es durch diesen Vorfall zu der besonderen Situation, dass zwischen Wörlitz und O-baum der Zug mit einer V 60 an der Zugspitze und am Zugschluss unterwegs gewesen ist. Einen Fotoapparat hatte ich leider nicht dabei und kann diese Anekdote somit nur in schriftlicher Form wiedergeben.



      Hier blicken wir auf die ehemalige Güterabfertigung mit dem Güterschuppen, welcher nach 1949 von der Bahnmeisterei genutzt wurde. Während auf Gleis 1 ein Personenzug am Bahnsteig steht, sieht man noch Gleis 2a, welches als Lokomotivumfahrgleis diente. Das Gleis 4 ist das ehemalige Rampengleis (Seitenrampe), welches mit Prellbock vor dem Güterschuppen endete.



      Hier eine Ansicht des Lokschuppens im Gegenlicht. Vor dem Lokschuppen verläuft Gleis 5 (Ladestraßengleis), welches bis zum Jahr 1990 der Wagenausbesserung diente. Außerdem ist vor dem Lokschuppen der Prellbock von Gleis 7 zu erkennen. Dieses Gleis führte früher in den Lokschuppen hinein. Von 1950 bis 1983 diente der ehemalige Lokschuppen als Wagenausbesserungshalle. Ab 1983 wurde Gleis 7 schließlich als Anschlussgleis des VEB Bienenwirtschaft genutzt.



      Da das erste Bild im Gegenlicht entstanden war, habe ich später bei besseren Lichtverhältnissen noch ein weiteres Bild aus einem etwas anderen Blickwinkel angefertigt.



      Dies soll es zu dieser Rubrik gewesen sein. Ich denke, es wird nicht das letzte Kapitel in diesem Thread gewesen sein.

      Viele Grüße, René
    • Hallo René,

      schön das Du die Dessau - Wörlitzer Eisenbahn hier vorstellst. Ich kenne die Strecke nur aus heutiger Zeit, daher sind die Bilder vom ehem. Wörlitzer Bf. für mich besonders interessant.
      Aber auch aktuell hat die Strecke nach Wörlitz noch viel ursprüngliches Nebenbahnflair zu bieten, daher kann ich einen Besuch bzw. eine Mitfahrt jedem Eisenbahnfreund nur empfehlen.
      Ich bin mindestens einmal im Jahr in der Gegend (Verwandtschaft meiner Frau), eine Fahrt mit der DWE nach Wörlitz (und Besuch des Wörlitzer Parks) ist immer wieder ein Erlebnis.
    • Hallo,

      da muss ich euch recht geben. Als meine Eltern bis vor wenigen Jahren noch in Dessau wohnten, war ich noch häufiger dort und habe mit Frau und Tochter auch gern das Georgium mit dem Tierpark oder den Wörlitzer Park besucht. Die Dessau-Wörlitzer-Kulturlandschaft dürfte wohl in ihrer Ansammlung mehrerer Schlösser, Gärten und Landschaftsparks auf engem Raum zu den schönsten Landschaftsregionen in Deutschland zählen. Das die Bahn von Dessau nach Wörlitz zu diesem Gartenreich gehört, steht außer Frage und dank des Engagements vieler Menschen verbindet sie auch in heutiger Zeit die Bauhausstadt mit Oranienbaum (mit niederländisch geprägten barocken Schloss und Garten) und Wörlitz (mit den weltberühmten Wörlitzer Anlagen).

      Viele Grüße, René
    • Hallo,

      ich finde heute noch ein wenig Zeit, um weitere Bilder vom Dessauer Wörlitzer Bahnhof (und Umgebung) zu zeigen. Diesmal geht es weniger um Stillleben, sondern um den Bahnbetrieb. Zunächst möchte ich aber noch ein Bild vom Dessauer Rangierstellwerk 2 (genannt Doktor 2) zeigen, auf welchem ich als U&K-Vertreter eingesetzt war. Dort im "Hexenhäuschen" unter der Brücke (heute schon lange verschwunden) habe ich viele schöne Dienste gemacht. Links ist die Zufahrt zur Einsatzstelle zu sehen und rechts sieht man den "Mittelturm" (das Fahrdienstleiterstellwerk) und die Güterabfertigung mit Güterboden. Da die Loks, die aus der Einsatzstelle kamen, immer am Wartezeichen warten mussten, bevor sie an den Zug durften und die Lokführer wussten, dass der René natürlich immer für frischen Kaffee sorgte, hatte ich nie Langeweile, sondern häufigen Besuch.



      Damals war das RAW Dessau für die Instandhaltung der DB-Baureihe 150 zuständig und so konnte ich im Güterbahnhof diese beiden Maschinen in unterschiedlicher Farbgebung im Jahre 1992 ablichten.





      Hauptaugenmerk lag in der Abfertigung der Güterzüge, welche in Dessau oft Lokwechsel machten. Für die Zugbildung waren Rangierer, Rangierarbeiter und Zugfertigsteller im Einsatz. Natürlich kam bei zu bildenden Zügen auch der Wagenmeister vorbei und überprüfte die Ladung. Die Bremsprobe führte aber letztlich die Aufsicht durch.

      An der Strecke nach Wörlitz gab es in Kapen ein großes Gelände der Roten Armee. In meine Zeit als Aufsicht fiel der Abzug dieser Truppen über Mukran. Bei der Fertigstellung der Züge hatte ich somit immer zwei Soldaten mit Maschinenpistole in Begleitung dabei. Unter die Planen durfte ich nie schauen, musste mich für die Erstellung von Wagenliste und Bremszettel allein auf die Angaben der Bezettelung am Wagen verlassen. Kam man der Wagenladung zu nahe, merkte man sofort eine erhöhte Nervosität der begleitenden Soldaten. Es war eine ereignisreiche Zeit, manchmal mit ungutem Gefühl im Rücken.

      Doch wenden wir uns nun wieder dem Dessau Wörlitzer Bahnhof zu, wo hier ein Zug zur Abfahrt bereit steht. Gut sind die Bahnhofsgleise des DWE-Personenbahnhofs zu erkennen. Gleis 6 als Stumpfgleis am Bahnsteig, Gleis 1 als Hauptgleis am Bahnsteig, Gleis 2a als Lokomotivumfahrgleis, Gleis 4 als Rampengleis, Gleis 5 als Ladestraßengleis und Gleis 7 als Lokschuppengleis. Die Gleise 2 und 3 waren schon vor Jahren zurückgebaut worden.



      Nun folgt ein Bild eines ausfahrenden Zuges. Er überquert gerade die Humperdinckstraße und wird gleich die Weiche 10 (DKW) passieren. Der Fahrdienstleiter sichert auf der Straße den Bahnübergang. Schwach ist auf seiner Höhe die Weiche 9 des Anschlusses zum Gas- und Elektrogerätewerk zu erkennen.



      Aus heutiger Sicht ärgert es mich natürlich sehr, dass ich keine Bilder vom Güterverkehr gemacht habe. Aber als Jungspund habe ich als Aufsicht und auf dem Stellwerk meist 12-Stunden-Nachtschichten gemacht, wahnsinnig viele Überstunden angehäuft, weil mir die Arbeit einfach Spaß machte, hatte aber zur Schicht nie eine Kamera dabei. Als ich mich im dritten Quartal 1992 in Hamburg beworben habe und man dort die Anzahl meiner Nachtstunden in 1992 zur Berechnung des Zusatzurlaubs wissen wollte, wollten mir die anwesenden Damen und Herren die Zahl nicht glauben. Sie glaubten es erst, als ich den entsprechenden Nachweis vorgelegt habe. Damals machte Eisenbahn noch richtig Spaß, wenn man Eisenbahner mit Leib und Seele war. Ich bin es auch heute noch, allerdings ist es in heutiger Zeit deutlich schwieriger geworden.

      Viele Grüße, René
    • Hallo René,

      Dein schöner Beitrag über die DWE hat mich bewogen, mich nach einer Zeit der Abstinenz wieder im Forum anzumelden.
      Auch ich war bis 1997 Dessauer und habe eine Zeit lang in der Luxemburgstraße mit Blick auf den Bahnhof gewohnt. An den "Gute-Nacht-Pfiff" der 244 vom letzten Personenzug aus Leipzig kann ich mich noch gut erinnern.
      Du hast mich auf jeden Fall motiviert, die alten Dia-Kisten nach Dessauer Bahnbildern zu durchsuchen. Zumindest die 41er aus Staßfurt müßte ich verewigt haben und manchmal kam auch eine 35 mit einem Eilzug nach Dessau. Danke für die schönen Erinnerungen!


      Gruß Ralf
    • Hallo Ralf,

      ich wohnte damals mit meinen Eltern in der Viethstraße. Den Block gibt es schon lange nicht mehr. Gleich nach der Ausbildung zog ich in meine erste eigene Wohnung, eine Bahnerwohnung, im Kabelweg. Das Haus müsste es noch geben. Nach meinem Umzug nach Hamburg bzw. Glückstadt sind auch meine Eltern umgezogen, nämlich in die Essener Straße. Bei Besuchen war es von dort nicht weit zum Bahnhof und zum Tierpark. Mittlerweile wohnen wir alle in Wernigerode, nur Tante und Onkel wohnen noch in Dessau, weshalb ich gelegentlich dorthin fahre. Wenn ich den Dessauer Hauptbahnhof heute sehe... und mich an meine Zeiten während der Ausbildung in Fahrkartenausgabe, Gepäckaufbewahrung und Reiseauskunft (diese befand sich damals beim Westausgang) erinnere, wo ich mit Kursbuch von DR und DB noch Auskünfte heraussuchen musste, ohne einen DB-Navigator auf dem Smartphone zu besitzen... mich mit dem Hammer des Wagenmeisters jetzt gerade vor dem geistigen Auge die Bremsprobe bei den Personenzügen machen sehe oder mich erinnere, wie ich in der Aufsicht die Durchsagen auf den Bahnsteigen gemacht habe, wobei mir nach einem Versprecher unbewusst das Wort "Sch...." über die Lautsprecher herausgerutscht war, was den sofortigen Unmut der diensthabenden Aufsicht nach sich zog, so ist der heutige Hauptbahnhof für mich nur noch ein nahezu seelenloser Torso. Trotzdem gehe ich gerne hin und sei es nur, um in Erinnerungen zu schwelgen.

      Viele Grüße, René